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Montag, 30. Dezember 2019

Bleigießen

Einst hatte ich gute Kontakte zu einer wohlhabenden Familie. Ihr Sohn Ludwig hatte jedoch schon mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Zu einer Silvesterfeier trafen sich Verwandte und Bekannte, um gemeinsam das Neue Jahr zu erwarten. Auch ich war eingeladen. Eine der Teilnehmerinnen hatte das Rüstzeug zum Bleigießen mitgebracht. Auf einen Esslöffel erhitzten wir Zinn und gossen es in einen schön geformten und mit Wasser gefüllten Auffangkessel. Das so entstandene Gebilde wurde herausgenommen, ins Licht gerückt und sein Schatten an die Wand geworfen. Die gemeinsame Deutung, was es darstellt, war lustig. Doch plötzlich schlug die Stimmung um. Jemand meinte, das eben entstandene Objekt zeigt an, dass im nächsten Jahr jemand von uns sterben werde. Das war taktlos: Jeder dachte spontan an Ludwig. Das Bleigießen wurde nicht mehr fortgeführt.
Am ersten April des Folgejahrs wurde ich verständigt, dass Ludwig sich im Stiegenhaus vom fünften Stock gestürzt habe. Er habe überlebt und liege auf der Intensivstation eines Unfallspitals. Später kam er auf die Normalstation, ich besuchte ihn öfters. Eines Tages wurde mir mitgeteilt, dass Ludwig tot sei. Er hätte sich aus dem ersten Stock auf eine Betonplatte gestürzt und sei in der Intensivstation verstorben. Hat sich nun das Orakel der Silvesternacht erfüllt?
An jedem Silvester sehen Menschen mit Ängsten und Hoffnungen dem Neuen Jahr entgegen. In den Kirchen wird der Neujahrssegen erteilt, in den Gottesdiensten wird Gott angefleht, er möge uns im Neuen Jahr helfen und beschützen.
Einst hatte ich eine Bedienerin, die zum Silvester alle Wäschestücke von den Leinen und Trockner herunternahm. Sie meinte, in der Silvesternacht dürfe keine Wäsche zum Trocknen aufgehängt sein, weil sonst jemand der Familie sterben werde.
Wir Atheisten wissen, dass unser Leben von vielen guten und schlechten Zufällen bestimmt wird. Das gehört zu unserem Menschsein. Gebete und Zaubereien mögen vielleicht subjektiv beruhigen, nützen tun sie jedoch nichts. Das Einzige was wir brauchen, ist eine möglichst hohe Frustrationsgrenze. Genau diese wünsche ich Euch zum Silvester 2019/2010.

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